Special Moments
Volker Finke ist irgendwie mies gelaunt. Mit 0:1 hat der kühle Norddeutsche aus Nienburg an der Weser als Trainer des TSV Havelse am 22. September 1990 beim SC Freiburg in der 2. Bundesliga verloren. Es ist eine von 25 Saison-Pleiten der Niedersachsen in ihrer einzigen Saison im „Unterhaus“.
Finke will nach dem Spiel nur noch eins. Er will seine Ruhe haben, ab in den Mannschaftsbus und dann so schnell wie möglich die mehr als 700 Kilometer in Richtung Norden abreißen. Am Bus spricht ihn ein Mann an, der seinen Namen nicht nennen will. Er hat eine Stirnglatze und trägt eine Hornbrille. Finke denkt wohl zunächst an einen Autogrammsammler. Weit gefehlt. Der Fremde verwickelt Finke trotz der Eile in ein längeres Fachgespräch über die vorangegangenen 90 Minuten im Dreisamstadion. Irgendwann hat Finke genug. „Wenn Sie zu dem Klub hier gehören“, fährt er seinen Gegenüber an, „dann muss ich Ihnen sagen: Ihr spielt einfach keinen guten Fußball. Wir waren eigentlich besser.“ Es ist das Credo des Erfolglosen.
Etwas kann Finke in diesem historischen Moment nicht wissen. Er hat gerade mit Achim Stocker, dem bereits seit 18 Jahren amtierenden Präsidenten des SC Freiburg gesprochen und unfreiwillig eine Bewerbung als neuer Coach der Breisgauer abgegeben. Obwohl Volker Finke erst später erfährt, dass sein Gesprächspartner Achim Stocker ist, so weiß man doch um den Ruf des badischen Finanzbeamten in der Branche.
Der brave Stocker gilt als Trainer-Schleuderer vor dem Herrn. In der 2. Liga hat er 17 Übungsleiter in elf Jahren in die Wüste bzw. in die badischen Weinberge geschickt. Mit ihm ist der SC Freiburg zu einer klassischen One-Man-Show im Fußball geworden. Uli Hoeneß erinnert sich gar, dass „der Stocker sogar die Bratwürste fürs Stadion selbst gekauft hat.“ Nicht nur das. „Der Stocker“ fährt sonntags höchst selbst über die Dörfer, um Talente zu sichten. Die Scouting-Abteilung und die Freiburger Fußballschule, die den Standort im äußersten Südwesten Deutschlands heute zu „La Masia im Breisgau“ (50 Jahre Bundesliga: Die Geschichte. Die Legenden. Die Bilder) machen, sind noch lange fußballerische Fiktion. Der raue Zweitliga-Alltag in Freiburg sieht anders aus.
Der Patron streitet sich mit dem zuständigen Ordnungsamt um jeden einzelnen Parkplatz am Stadion. Er trommelt die Spielergehälter bei Freunden, Bekannten und Firmen zusammen, wirbt bei den Mitgliedern um Daueraufträge, um den Kader zu bezahlen. Diese Hartnäckigkeit bringt ihm den Spitznamen „Bettelkönig von Südbaden“ ein. Als es einmal finanziell so richtig eng wird, nimmt er sogar eine Hypothek auf das eigene Häusle auf, um dem Verein auszuhelfen.
Finke wird zum Glücksgriff für Freiburg und Stocker. „Wir haben nur ein einziges Mal ein Vertragswerk aufgesetzt und haben das die ganzen Jahre, in denen wir zusammengearbeitet haben, per Handschlag gemacht“, verrät Finke später. Vertrauen, das sich auszahlt. Volker Finke führt den SC Freiburg 1993 in die Bundesliga. Dauerkarten fürs Dreisamstadion werden in der Uni-Stadt zur Zweitwährung, Finke und Stocker werden zu einem Erfolgsgespann der Liga. Ihre Bilanz ist unglaublich: Platz 3 in der Saison 1994/95, zweimal UEFA-Pokal. Auch Rückschläge wie die Abstiege 1997, 2002 und 2005 steckt dieses so ungleiche Duo weg.
Ein badischer Finanzbeamter und ein „linker“ Lehrer, das ist der Stoff, den das Feuilleton in der Bundesliga gebraucht hat! „Wir haben uns in Sachen Fußball in vielen Punkten oft gerieben“, beschreibt Volker Finke 2014 das Verhältnis zu seinem Präsidenten, „aber in ganz, ganz entscheidenden Punkten wussten wir, dass wir uns aufeinander verlassen konnten.“ Das können sie. Ende 1993, auf dem ersten Höhepunkt der SCF-Euphorie, gewinnt Freiburg mit 4:1 gegen den Krösus Borussia Dortmund und Finke entfährt beim Blick auf das Gesamt-Kunstwerk ein spontanes „Hey, es ist so geil, was wir machen!“
Stocker gibt seinem neuen Coach von Anfang an freie Hand. „Ich sage Ihnen: Mir gefällt das, wie Sie das machen“, so sein „Persil-Schein“, „und machen Sie es so, wie Sie es wollen, ich stärke Ihnen den Rücken.“ Das tut er, bis es nicht mehr anders geht. Im Oktober 2006 steht der SC Freiburg in der 2. Bundesliga auf einem Abstiegsplatz. Die Opposition gegen Finke – im Verein und in der Stadt – macht mobil gegen den Querdenker, dem sie eigentlich ein Denkmal bauen müssten. In Freiburg spielen sich nie gekannte Tribünen-Pöbeleien gegen Mannschaft und Trainer ab. Stocker muss handeln. Er trifft die vielleicht schwerste Entscheidung seiner Karriere: Finke muss am Saisonende 2006/07 gehen. Nach toller Rückrunde mit nur zwei Niederlagen verpasst er auf Rang 4 knapp die Bundesliga-Rückkehr.

Finke hält nach dem letzten Spiel gegen die TuS Koblenz (2:0) mitten auf dem Rasen eine 30-minütige Abschiedsrede. „Der Vorstand hat uns in unserer Arbeit 14 Jahre lang den Rücken freigehalten“, sagt er. Will heißen: In den letzten zwei Jahren eben nicht mehr. „Es gab Dinge, die in den letzten zwei Jahren nicht angenehm waren“, räumt Finke Jahre später ein, „aber wenn man die Lösung so findet, dass man ein halbes Jahr vorher sagt, am Ende der Saison beenden wir die Zusammenarbeit, da kann ich nur sagen: Besser kann es nicht sein.“
Finke mahnt den SC Freiburg: „Dieser Standort tut gut daran, an dieser Philosophie festzuhalten. Wenn wir anderen was nachmachen, haben wir keine Chance.“ Stocker hört es am Spielfeldrand. Mit Tränen in den Augen. Und erinnert sich vielleicht an den Special Moment vor dem Mannschaftsbus des TSV Havelse am 22.09.1990.